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Dec 2, 2015

“Hilfe – Ich habe den falschen Einstiegsjob gewählt!”

„Ich stelle fest, dass ich gar nicht Anwältin werden will.“ – Judith sitzt desillusioniert vor mir, hat einen Termin für eine Neuorientierung gebucht …

Nun hat sie doch ihren Master in International Law mit Bestnoten abgeschlossen und dank ihren vorhergehenden tollen Zeugnissen schon zwei juristische Praktika in zwei verschiedenen namhaften Kanzleien gemacht, die ihr sogar eine Stelle angeboten haben. Sie musste oder durfte sich für eine entscheiden und ist dann auch erneut mit voller Motivation gestartet … Jetzt stellt sie fest, dass sie nicht glücklich ist mit dem Job.

So wie Judith ergeht es immer wieder dem einen oder anderen Studenten, manchmal schon in den Praktika, manchmal während des Masters, und man stellt aufgrund der Erfahrungen plötzlich fest, dass man im „falschen Zug“ sitzt … Wenn sich dann jemand traut, den eingeschlagenen Weg zu hinterfragen, reagiert das Umfeld oft mit Unverständnis. „Was, erst jetzt nach dem Master merkst du das“ oder „einen Durchhänger im Job hat jeder mal“ oder noch schlimmer: „du spinnst, dann war ja der ganze Aufwand bis jetzt für nix – du wirfst deine ganze Karriere hin“, usw. Das führt dann oft dazu, dass noch eine Weile weitergezogen wird, bis es dann wirklich nicht mehr geht. Nicht immer ist es der Betroffene selber, der dann tatsächlich seine Neuorientierung in Angriff nimmt, manchmal wird er durch die äusseren Umstände dazu gezwungen – der Arbeitgeber spürt, dass die Leistungen oder das Engagement nicht mehr mit derselben Motivation daherkommen und irgendwann steht die Kündigung da, oder, was unterschätzt wird bei jungen Menschen, die Gesundheit macht nicht mehr mit, ein (erster) Burnout macht sich bemerkbar …

Ja, wie soll und kann es denn weitergehen mit Judith und all denen, die feststellen, „falsch gestartet“ zu sein? Eine Auslegeordnung ist da sicher immer hilfreich – die Klärung der Ursachen, weshalb und was genau der Grund dafür ist, dass es einem nicht gefällt, oder welche Probleme aufgetaucht sind. Sehr oft ist es nicht der Job selber, sondern das Umfeld, mit dem man sich nicht anfreunden kann, die Unternehmenskultur, in die man nicht reingehört – sich dann umzusehen und die neue Stelle bewusst nach Kriterien der Unternehmenskultur auszusuchen, das ist dann relativ einfach. Die grösste Hürde dabei ist die Klärung mit dem aktuellen Arbeitgeber. Das Gespräch mit ihm mit den entsprechenden Argumenten und Gegenargumenten gut vorzubereiten, ist ein wichtiger Teil bei einem Coaching. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man sich den Jobinhalt anders vorgestellt hat – neugierig ist man ins Consulting eingestiegen und wollte möglichst viele Unternehmen und Kunden kennenlernen, jetzt sitzt man aber mehrheitlich im Office und macht Researches und stellt Powerpoint-Präsentationen zusammen. Auch hier steht zuerst einmal ein Gespräch mit dem Vorgesetzten an – wie sieht denn meine Entwicklungsmöglichkeit aus, was muss ich tun oder erreichen, damit ich auf ein Kundenmandat zugelassen werde, resp. beim Vorstellungsgespräch wurde mir gesagt, dass ich nach drei Monaten mit auf Kundenbesuch gehe – wer initiiert das, wie komme ich dazu. Oft weiss der aktuelle Vorgesetzte nicht mehr, was genau vereinbart wurde. In seinem vom Kunden getakteten Alltag gehen die Ansprüche der neuen Mitarbeiter unter. Solange sich niemand beschwert, scheint ja alles o.k. zu sein. Hier hilft es dann, das Thema aktiv und gut vorbereitet anzugehen und mit dem Vorgesetzten klare Ziele/next Steps zu vereinbaren – wenn keine Aussicht besteht, die Situation zu verändern, dann heisst es, sich zu verändern und sich eine neue Stelle zu suchen.

Das gilt auch für diejenigen, für die das Umfeld eigentlich stimmt, aber die trotz spannendem Inhalt einfach merken, dass sie sich nicht vorstellen können, genau diesen Job noch ein paar Jahre weiterzuziehen, weil sie aufgrund von Jobfeedbacks von Freunden oder gerade auch bei Kundenmandaten feststellen, eigentlich würde ich lieber …

Hier gilt es dann wirklich sehr genau abzuklären, was denn nicht zusagt, woran genau es liegt und was man sich unter dem „würde ich lieber machen“ vorstellt – ein Wechsel und Neustart sind immer möglich, sollten aber wirklich sehr gut überlegt und geplant sein. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten, dass alle bisherigen Erfahrungen ganz sicher nicht vergebens waren, sondern dass sich da Kompetenzen gebildet haben, die sich auch in anderen Branchen und Berufen einsetzen lassen. Ob man noch eine weitere Ausbildung oder Weiterbildung benötigt, kommt auf den „Verwandtschaftsgrad“ der Jobs an.

Wichtig ist, beim nächsten Arbeitgeber ganz klar die Motivation glaubwürdig aufzuzeigen. Auch wenn insbesondere der Schweizer Arbeitsmarkt hier noch nicht so fortschrittlich denkt und sogenannte „nicht geradlinigen CVs“ immer noch zu kritisch angeht, können gerade die jungen Einsteiger sicher davon ausgehen, dass ihnen am ehesten Verständnis entgegengebracht wird, wenn sie sich für einen Kurswechsel vorbereiten. Da müssen sich die älteren Semester schon mehr einfallen lassen und auch im finanziellen Bereich mehr Abstriche machen.

Meistens jedoch ist das Abwägen und Entscheiden zwischen den Konsequenzen eines Wechsels und der Vorstellung, den Job die nächsten zehn Jahre noch durchzuziehen, sehr viel einfacher, als sich das viele im ersten Moment vorstellen. Dadurch, dass man Fakten, Erfahrungen, Abklärungen gezielt zusammenträgt und auswertet, ist die Schlussentscheidung meist sehr einfach und klar. Auch wenn man sich nach einem solchen Neuorientierungscoaching entscheidet, im Job zu bleiben, dann tut das gut, weil es eine bewusste Entscheidung ist, man sich wieder vor Augen geführt hat, warum man sich einmal in diese Richtung entschieden hat und welche rosa Wolken man vielleicht gesehen hat, als man sich „würde ich lieber machen“ vorgestellt hat. So war’s dann auch mit Judith. Eigentlich kam sie mit der Idee, den Master in Marketing noch nachzuholen, nach verschiedenen Gesprächen wurde aber klar, dass ihr das Umfeld nicht behagte, insbesondere aber die Kundschaft. Nachdem sie das klärende Gespräch mit der Kanzlei hinter sich hatte, ging es ihr viel besser und ein paar Monate später gelang ihr der Einstieg in eine UNO-Organisation, wo sie sich jetzt erfüllt und völlig happy mit der „Juristerei“ sieht.

Text und Foto: Brigitte Läderach*
*Brigitte ist Head Student Career Services der HSG Universität S t. Gallen, 18 Jahre in der Unternehmensberatung tätig, davon zehn Jahre bei den BIG4